Fleischatlas - 4 Dinge, die ihr nie über Fleisch wissen wolltet

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Die Heinrich Böll Stiftung hat in Zusammenarbeit mit der Umweltschutzorganisation Global 2000 und der Tierschutzorganisation Vier Pfoten ein umfassendes Dokument über den Fleischkonsum und dessen Auswirkungen zusammengestellt. 

Im Folgenden habe ich eine kurze Zusammenfassung der meiner Meinung nach interessantesten Informationen aus diesem sogenannten "Fleischatlas" erstellt. In voller Länge könnt ihr den Bericht hier lesen. 

Fleisch - Zahlen & Fakten

Auch wenn der globale Fleischkonsum mittlerweile etwas langsamer ansteigt, hat er sich doch in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt und soll bis 2028 noch um beachtliche weitere 13 Prozent wachsen, wobei Schweine- und Geflügelfleisch einen immer beträchtlicheren Anteil an der Gesamtmasse einnimmt.

Im Jahr 2018 wurden insgesamt atemberaubende 320 Millionen Tonnen Fleisch verbraucht, wobei der durchschnittliche Pro-Kopf-Jahreskonsum in den reicheren Industrienationen besonders heftig ausfällt (z.B. ca. 60 Kilogramm in Deutschland und Österreich bzw. 100 Kilogramm in den USA und Australien).

Innerhalb der Gesellschaften in industrialisierten Ländern nimmt der Fleischkonsum mit steigender Bildung und Einkommen tendenziell ab, während in den Entwicklungsländern in den einkommensstärkeren Schichten eher mehr Fleisch konsumiert wird als in der ärmeren Bevölkerung, die sich das Luxusgut Fleisch kaum leisten kann. Jedoch kann generell länderübergreifend festgestellt werden, dass Frauen und Jugendliche sich im Durchschnitt weniger fleischlastig ernähren als erwachsene Männer.

In Österreich werden jede Minute 180 Tiere für die Fleischproduktion geschlachtet, wobei nur jämmerliche 3,2 (Wurst) bis 5,6 (Fleisch) Prozent des in Österreich konsumierten Fleisches aus biologischer Landwirtschaft stammen. Der Rest kommt zu einem großen Teil aus immer industrialisierteren Massenbetrieben.

Der Anteil der Vegetarier (4 %) und Veganer (1-2%) bleibt in Österreich seit Jahren auf sehr geringem Niveau stabil, und pflanzliche Fleischersatzprodukte machen nur ungefähr 1% des Umsatzes von Fleisch aus. 

Fleisch - Die Probleme

Soweit zu den Zahlen & Fakten. Doch warum ist dieser massive Fleischkonsum ein Problem? 

Umweltschäden

Da immer mehr Nutztiere auf engstem Raum gehalten werden und sich nicht mehr auf natürliche Weise grasend auf der Weide ernähren können, werden für die Viehwirtschaft immer größere Mengen an hochkalorischen Futtermitteln aus Getreide oder Ölsaaten als Ersatz benötigt. Dies führt dazu, dass immer mehr Naturflächen - wie Wälder oder Wiesen - in Ackerland transformiert werden, mit beträchtlichen negativen Auswirkungen für unsere Umwelt.

Global gesehen werden fast drei Viertel aller landwirtschaftlichen Nutzflächen entweder als Weideflächen oder für den Futtermittelanbau für die Viehwirtschaft genutzt. Über ein Drittel aller Feldfrüchte wird dabei als Futter für Nutztiere verwendet, alleine eine Milliarde Tonnen Soja und Mais pro Jahr. Im Durchschnitt werden für die Erzeugung einer Tonne Fleisch mindestens 1,7 Tonnen Soja benötigt und dafür gigantische 6.600 Quadratmeter Regenwald gerodet.  

Nun könnte man denken, gut, was geht uns das in Österreich an - hier gibt es keinen Regenwald und in der heimischen Viehwirtschaft wird doch sicher regional angebautes Futter verwendet? Weit gefehlt! Der überwältigende Anteil (80 Prozent) des für die konventionelle Nutztierhaltung nach Österreich importierten Sojaschrots stammt aus gentechnisch verändertem Anbau in Südamerika - wo Regenwälder und andere Habitate zum Zwecke des Futtermittelanbaus zerstört werden.

Insgesamt zeichnet die Viehzucht für ca. 14% der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich:

  • ca. 45% werden durch die Produktion und Verarbeitung von Futtermitteln verursacht
  • ca. 39% werden aus dem Verdauungstrakt der Nutztiere freigesetzt
  • der Rest ist auf die Lagerung und Verarbeitung von Dung zurückzuführen

Des Weiteren ist zu sagen, dass die Viehwirtschaft zwar nur 37% des weltweit benötigten Proteins und 18% der Kalorienversorgung liefert, aber fast zwei Drittel der Treibhausgasemissionen des gesamten Nahrungsmittelsektors verursacht. Da dieser wiederum für zwischen 21 und 37% des gesamten globalen Treibhausgasausstoßes verantwortlich zeichnet, nimmt die Rolle der Viehzucht im Hinblick auf den Klimawandel gewaltige Ausmaße an.

Ein zusätzliches Problem der Fleischproduktion ist der hohe Wasserkonsum. In den meisten Fällen stecken in der Produktion von einem Kilo Fleisch sehr viel mehr Liter Wasser als in der von einem Kilo pflanzlicher Nahrungsmittel - so verschlingt Rindfleisch pro Kalorie ca. 20 Mal mehr Wasser als Getreide. Bei Hühnerfleisch ist dieser Unterschied deutlich geringer, aber auch hier fallen für ein Kilogramm ca. 4.300 Liter Wasser an (bei Gemüse sind es hingegen nur ein paar hundert Liter Wasser).

Global gesehen werden über 90% des Wassers für die Landwirtschaft verwendet (dreimal mehr als noch vor 50 Jahren), fast ein Drittel davon für die Viehwirtschaft. Dieses Wasser fehlt dann leider anderswo, mit verheerenden Folgen für Flüsse, Feuchtgebiete, Wälder, Moore, den Grundwasserspiegel und die Qualität der Böden.

Abgesehen von diesen schon beträchtlichen Problemen führt die industrielle Viehzucht auch zu einer ständig steigenden Verwendung von teils hochgefährlichen Pestiziden - ca. 4 Millionen Tonnen jährlich an reinem Wirkstoff (sprich, bevor er mit Wasser und anderen Substanzen zum Einsatz auf den Feldern verdünnt wird). Viele dieser Pestizide sind zwar in der EU mittlerweile aufgrund ihres Risikos für die menschliche Gesundheit und die Umwelt verboten, werden aber in anderen Ländern weiterhin in großen Mengen eingesetzt - und das oft für den Anbau von Futtermitteln für Nutztiere. 

Gesundheit

Jedes Jahr sterben ca. 700.000 Menschen an den Folgen einer Antibiotikaresistenz und das Problem breitet sich immer weiter aus.

Dieser fatale Umstand wird unter anderem dadurch begünstigt, dass Antibiotika in der Nutztierhaltung noch immer viel zu oft in viel zu hohen Mengen zum Einsatz kommen: Fast drei Viertel aller weltweit verkauften Antibiotika werden für Tiere verwendet und der Markt für Tiermedikamente wuchs in den letzten Jahren um 5-6% jährlich.

Antibiotika werden in der Tierhaltung unter anderem deswegen so großzügig eingesetzt, weil sie ein billiges Mittel darstellen, um Missstände bei der Hygiene, Haltung und Betreuung der Nutztiere zu kaschieren.

Besonders bedenklich ist hierbei, dass der Einsatz von sogenannten Reserveantibiotika in der Tierhaltung immer weiter steigt. Diese Notfall-Antibiotika sind eigentlich für Menschen vorbehalten, bei denen die gängigen Antibiotika nicht mehr wirken. Doch wenn der Einsatz der Reserveantibiotika bei der Viehhaltung dazu führt, dass Erreger selbst gegen diese Notfallmedikamente resistent werden, gibt es keine Möglichkeit mehr, den betroffenen schwerkranken Menschen zu helfen.

Der übertriebene Einsatz von (Reserve)antibiotika in der Viehwirtschaft führt dann z.B. dazu, dass bei einer Untersuchung von Hühnerfleisch europäischer Geflügelkonzerne auf mehr als der Hälfte der Proben Krankheitserreger mit Antibiotikaresistenzen gefunden wurden - 35% der Erreger waren sogar gegen die oben erwähnten Reserveantibiotika resistent.

Ein weiteres Problem für die menschliche Gesundheit ist die steigende Anzahl an Zoonosen, sprich Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen oder umgekehrt übertragen werden, und jährlich ca. 2,7 Millionen Todesfälle verursachen.

Die Viehzucht ist daran insofern mitverantwortlich, als einerseits durch die riesigen dafür benötigten Flächen der natürliche Lebensraum von Wildtieren immer mehr eingeschränkt wird und es daher vermehrt zu Begegnungen zwischen diesen und Menschen kommt - was das Risiko einer Krankheitsübertragung steigert.

Auf der anderen Seite ist die Massentierhaltung selber ein Risikofaktor: Dadurch dass viele Tiere auf engstem Raum gehalten werden und diese aufgrund des limitierten Genpools tendenziell ein eher schwaches Immunsystem besitzen, können sich Erreger dort sehr schnell ausbreiten und durch den engen Kontakt auch leicht auf Menschen überspringen. Der weltweite Handel mit lebenden Nutztieren und Fleischprodukten trägt dann das Übrige zur Verbreitung von Zoonosen bei.

Tierleiden

Der große Preisdruck auf die Produzenten und der Ruf nach immer mehr und immer billigerem Fleisch gehen allzu oft auf Kosten unserer Nutztiere:

  • Ferkelkastration ohne Betäubung (auch in Biobetrieben erlaubt)
  • Abschneiden der Ringelschwänze bei Schweinen
  • Zu wenig Platz und keine Einstreu am Boden
  • Als Folge schwere Erkrankungen, Verhaltensstörungen und vermehrter Ausstoß des umweltschädlichen Methangases
  • Viele Tiere sind so auf Leistung hochgezüchtet und / oder werden unter dermaßen schlechten Bedingungen gehalten, dass sie noch während der Aufzucht sterben

In der biologischen Viehwirtschaft leben die Tiere tendenziell unter besseren Bedingungen, aber leider ist deren Anteil an der gesamten Nutztierhaltung wie oben schon erwähnt leider verschwindend gering.

Aber auch die heimische Biohaltung kann viele in Österreich geborene Kälber nicht vor ihrem grausamen Schicksal bewahren: Als "Überbleibsel" aus der Milchwirtschaft werden sie jährlich zu zehntausenden über tausende Kilometer unter erbärmlichen Bedingungen durch die Gegend transportiert, um im Ausland kostengünstig gemästet zu werden. Die Tiere werden auch deswegen über die Grenze geschafft, weil in Österreich die ihnen andernorts verabreichte Kost bestehend aus Wasser, Milchpulver und Palmöl gar nicht erlaubt wäre, da diese nicht den natürlichen Bedürfnissen der Kälber entspricht. Diese widernatürliche Mangelernährung führt allerdings zum auch in der heimischen Gastronomie so begehrten hellen Kalbsfleisch - weswegen die Jungtiere nach ihrer Mästung oft wieder nach Österreich importiert werden. Oder aber es blüht ihnen ein noch schlimmeres Schicksal: Sie werden nach Afrika oder in den Nahen Osten verfrachtet, wo sie häufig grausam behandelt und ohne Betäubung qualvoll geschlachtet werden. 

Soziale Auswirkungen

Durch ihre riesige Marktmacht können internationale Fleischkonzerne extrem niedrige Einkaufspreise bei den Erzeugern durchsetzen, die dadurch teilweise nicht einmal ihre Produktionskosten decken können und um ihr finanzielles Überleben ringen müssen.

Die Rodungen, die in Südamerika durchgeführt werden, um Platz für den Futtermittelanbau zu schaffen, führen häufig zu Streitigkeiten um Land und der Missachtung der (Land)rechte indigener Völker.

Dass in den industrialisierten Ländern mittlerweile fast nur mehr die "edlen" Fleischstücke (Filet, Brust, Flügel, etc.) konsumiert werden, führt dazu, dass mehr als 1 Milliarde Tonnen an als minderwertig angesehenen Teilen wie z.B. Innereien in Entwicklungsländer exportiert werden, wo diese Billigimporte die vergleichsweise teureren Produkte heimischer Bauern vom Markt vertreiben und diese so in finanzielle Schwierigkeiten bringen. 

Fleisch - Die Lösungen

Um die gravierenden Folgen des exzessiven Konsums von Fleisch - aber auch anderen tierischen Produkten - einzuschränken, müsste dieser signifikant reduziert werden, vor allem in den reichen Industrieländern. Um dies zu erreichen, werden sich sowohl die Vorgaben durch den Staat als auch die sozialen Normen ändern müssen.

Doch obwohl zur Erreichung unserer Klimaziele der Fleischkonsum insgesamt um ca. zwei Drittel gesenkt werden müsste, ist bisher in keinem Industrieland der Welt ein signifikanter Rückgang des Verzehrs in Sicht und kein einziges Land weltweit hat im Hinblick darauf eine Strategie oder auch nur Reduktionsziele für den Fleischkonsum vorzuweisen

Hoffen wir, dass sich die globale Gemeinschaft bald auf mögliche Lösungsansätze besinnt:

  • Zielgruppenspezifische Informationskampagnen
  • Mehrwertsteuer auf umweltschädliche Produkte erhöhen
  • Reduzierte Mehrwertsteuer für umweltfreundliche pflanzliche Produkte
  • Verstärkt pflanzliche Ernährung in öffentlichen Einrichtungen, wie Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern
  • Verpflichtende Mindestflächen pro Tier für landwirtschaftliche Betriebe als Voraussetzung für eine tier- und umweltgerechtere Haltung
  • Staatliche Kennzeichnung von Produkten im Hinblick auf das Tierwohl, die den Konsumenten die Entscheidung für Lebensmittel aus artgerechter Haltung erleichtert 

 

Quellen:
Global 2000, "Fleischatlas 2021"
Heinrich Böll Stiftung / Global 2000 / Vier Pfoten, Fleischatlas 2021

 

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