"Klima-Killer Bitcoin" - wie nachhaltig sind Kryptowährungen?

Energiewende Klimawandel Nachhaltigkeit

Kryptowährungen, allen voran Bitcoin, die erste und wohl auch bekannteste ihrer Art, sind derzeit in aller Munde - mal wieder. Das verwundert mittlerweile längst nicht mehr, da man dieses Thema aus der Perspektive vieler verschiedener Disziplinen heraus betrachten und trefflich darüber diskutieren (um nicht zu sagen: streiten) kann:

 

Wissenschaft & Technik - welche Möglichkeiten bietet die Blockchain-Technologie?

Wirtschaft - können bzw. werden Kryptowährungen das globale Finanzsystem verändern?

Geopolitik - kann Bitcoin die politische Weltordnung beeinflussen (Stichwort: US-Dollar als Weltreservewährung)?

Ökologie - welchen Einfluss haben Kryptowährungen auf Umwelt und Klima?

uvm.

 

Wie der Titel bereits verrät, soll es in diesem Blog-Beitrag um den ökologischen Aspekt von Kryptowährungen gehen. Genauer gesagt: Um deren Energieverbrauch und CO2-Emissionen. Erst kürzlich löste Elon Musk mit seiner Ankündigung auf Twitter, Tesla werde aus Gründen der Nachhaltigkeit Bitcoin nicht länger als Zahlungsmittel akzeptieren, einen massiven Kurseinbruch aus:

 

 

Unabhängig davon, aus welcher der oben genannten Perspektiven man sich dem Thema nähern möchte, ist es unerlässlich, die technischen Grundlagen von Kryptowährungen zu verstehen, um sinnvoll darüber diskutieren zu können. Wenn man bedenkt, dass weltweit die besten Universitäten, Investment Fonds und Denkfabriken zu all diesen Themen Studien durchführen, wäre es selbstverständlich vermessen, zu versuchen, das Thema "Blockchain-Technologie" in einem einzigen Blog-Beitrag vollumfänglich zu behandeln. Daher beschränken sich die folgenden technischen Erklärungen auf die absoluten Grundbegriffe, die für das Verständnis nötig sein werden. Weiterführende Links zu tiefergehenden, aber dennoch einsteigerfreundlichen Erklärungen finden Interessierte am Ende des Artikels.

Weiters wird sich dieser Artikel aufgrund seiner erdrückenden Dominanz mit Bitcoin als Stellvertreter für alle Kryptowährungen beschäftigen:

  • www.coinmarketcap.com zählt aktuell (22. 05. 2021) mehr als 10.000 verschiedene Kryptowährungen.
  • 45% Marktanteil entfallen allein auf Bitcoin
  • 75% des gesamten Energieverbrauchs entfallen auf Bitcoin.
  •  

    Was ist "Bitcoin" überhaupt?

    Zunächst eine (stark vereinfachte) Begriffserklärung: Der Begriff "Kryptowährung" wird oft als Synonym dafür benutzt, was eigentlich dezentrale Computer-Netzwerke sind, für deren Betrieb jeweils eigene (digitale) Währungseinheiten (engl.: native coins) benötigt werden. Zwei Beispiele:

    • "Bitcoin" ist sowohl der Name des dezentralen Computernetzwerks, als auch der netzwerkeigenen Währung, mit der Transaktionen von Datensätzen zwischen einzelnen Benutzern bezahlt werden.
    • Die zweitgrößte Kryptowährung heißt "Ethereum" (= das Netzwerk), bezahlt werden Transaktionen mit "Ether" (= die Währung, native coin)

     

    Kryptowährungen sind also eigentlich Computernetzwerke, die Datenbanken über Transaktionen zwischen allen Teilnehmern aufzeichnen, wobei der Inhalt dieser Transaktionen so gut wie jede erdenkliche Form digitaler Datensätze sein kann. Im Fall von Bitcoin aber z.B. einfach "A schickt B 1 Bitcoin".

    Auf diese Weise führen alle Netzwerkteilnehmer Transaktionen untereinander durch, bis eine ausreichende Zahl an Transaktionen vorhanden ist. Diese werden dann zusammengefasst - zu einem Block, welcher wiederum an alle Teilnehmer geschickt wird, als eine Art Protokoll darüber, was im Netzwerk vor sich geht.

    Daher also das "Block" in "Blockchain". Doch woher kommt die "chain"? Und warum benötigt dieser Vorgang soviel Energie?

     

    Notwendiges Übel - der Konsensmechanismus

    Nun verfügen also alle Netzwerkteilnehmer über den gesamten Transaktionsverlauf in Form dieser Daten-Blöcke. Doch wie wird sichergestellt, dass nicht jemand falsche Aufzeichnungen der Transaktionen in Umlauf bringt (und z.B. einen Bitcoin zweimal ausgibt), sondern Einigkeit über den einen korrekten Datensatz herrscht?

    Dies geschieht durch den sogenannten "Konsensmechanismus" (engl. consensus mechanism): Seine Erfindung gilt auf dem Gebiet der Kryptografie als revolutionär und steht im Zentrum der gesamten Energieverbrauchsproblematik von Kryptowährungen.

    Die Funktionsweise

    Und so funktioniert's:

    Jedes Mal, wenn die notwendige Anzahl an Transaktionen erreicht und ein Block geformt wird, muss der Block mit einer digitalen Signatur versehen werden, welche die Korrektheit aller enthaltenen Transaktionen bestätigt. Und damit beginnt unter allen Netzwerkteilnehmern, die zur Aufrechterhaltung des Netzwerks beitragen wollen, ein Wettstreit darum, wer diesen Block signieren bzw. - im Fachjargon - "schürfen" darf (engl. to mine - zu diesem Begriff kommen wir später nochmal zurück)Es ist auch möglich, Bitcoins nur zu senden und zu empfangen, ohne an diesem Prozess mitzuwirken.

    Die oben erwähnte digitale Signatur ist die Variable einer kryptografischen Gleichung, deren Ergebnis vom Quellcode des Netzwerks vorgegeben wird und die aus mehreren Variablen besteht:

    • die Signatur des vorangegangenen Blocks
    • der Inhalt der Daten eines Blocks
    • die zu findende Variable

    Einschub: An dieser Stelle löst sich nun auch das Rätsel um die Herkunft der "chain" im Wort "Blockchain": Da eine Variable der zu lösenden Gleichung immer der Bestandteil der vorangegangenen Gleichung ist, bilden alle Datenblöcke eine untrennbare Kette - also eine "Blockchain".

     "Löse für x!" - klingt eigentlich einfach, oder? Nun, bei diesen Variablen handelt es sich leider nicht um "5" oder "9" oder einfache Wörter, sondern um 64-stellige Abfolgen von Ziffern und Buchstaben (sogenannte Hexadezimal-Codes), die nur von Computern verarbeitet werden können. Dazu kommt, dass kryptografische Gleichungen anders als jene, die man aus dem Schulunterricht kennt, so konstruiert sind, dass sie nur einseitig lösbar sind: Man kann alle Variablen kombinieren und sich das Ergebnis ansehen, aber nicht mittels vorhandener Variablen und dem Ergebnis die fehlende Variable (die gesuchte Signatur!) finden.

    Wie lösen die Computer also diese Gleichung? Sie raten. Führt die geratene Variable zu dem Ergebnis, welches das System vorgibt, hat man die gesuchte Signatur gefunden, darf den aktuellen Block signieren ("schürfen"), erhält als "Belohnung" eine bestimmte Summe an Bitcoins (und geringen Transaktionsgebühren) und das Spiel geht von vorne los.

    Diese Raterei geschieht schnell. Und oft ... sehr oft. Man geht davon aus, dass im Bitcoin-Netzwerk derzeit 160 Trillionen solcher Rechenschritte pro Sekunde ausgeführt werden. In Zahlen sind das 160.000.000.000.000.000.000. Daher wird diese Form des Konsensmechanismus' als Proof of Work (kurz PoW) bezeichnet - also als Leistungsnachweis. Durch das Liefern einer korrekten Variable, welche die gesamte Gleichung entlang der Blockchain löst, hat der signierende Teilnehmer bewiesen, dass er die erforderliche Rechenleistung erbracht hat (da ein Glückstreffer de facto ausgeschlossen wird). Würde man eine Transaktion fälschen, würde man zwangsläufig die Variable "Inhalt der Daten" und somit die gesamte Kette für alle nachfolgenden Blocks verändern, was allen anderen Netzwerkteilnehmern sofort auffiele, da die gefälschte Variable ihre Version der Gleichung (in allen Blocks nach dem gefälschten) nicht mehr lösen würde. Um diese Täuschung aufrecht zu erhalten, würde der Fälscher 51% der Rechenleistung des gesamten Netzwerks benötigen (zur Erinnerung: 160 Trillionen Rechenschritte pro Sekunde), um schneller als alle anderen immer neue gefälschte Blocks zu signieren.

    Dieses Prinzip gilt als Geniestreich Satoshi Nakamotos (dem Bitcoin-Erfinder, bzw. der Person oder Gruppe hinter diesem Pseudonym), da mit seiner Hilfe erstmals Einzigartigkeit im digitalen Raum erschaffen werden konnte.

    Auswirkungen auf den Energieverbrauch

    Die gigantische Rechenleistung, die hier im Spiel ist, hat ihren Preis - in Form von Stromverbrauch. Je schneller ein Computer rechnet, desto mehr Energie verbraucht er. Hinzu kommt, dass das Bitcoin-Netzwerk ein Sicherheitssystem eingebaut hat: Um das "Ökosystem" des Netzwerks stabil zu halten (= wie viele Bitcoins werden im Laufe der Zeit ausgegeben), wird die Schwierigkeit der Gleichung immer so angepasst, dass die Lösung nach ca. 10 Minuten gefunden wird. Das bedeutet:

    Je mehr Rechenleistung im Netzwerk, desto mehr Rateversuche pro Sekunde

    => je mehr Rateversuche, desto schneller wir die Lösung gefunden

    => je schneller die Lösung gefunden wird, desto schwieriger wird die Gleichung

    => je schwieriger die Gleichung, desto mehr Rechenleistung mobilisieren die Teilnehmer (durch mehr oder bessere Hardware)

    => Je mehr Rechenleistung im Netzwerk ...

     

    Das also sind die technischen Grundlagen, warum Bitcoin immer mehr Energie benötigt, je weiter er sich verbreitet ... aber von welchen Mengen an Energie reden wir denn nun eigentlich?

     

    Energieverbrauch des Bitcoin-Netzwerks

    Niemand kann so genau sagen, wieviel Strom das Bitcoin-Netzwerk genau verbraucht. Das Cambridge Center For Alternative Finance der Universität Cambridge vermutet in seinem Cambridge Bitcoin Electricity Consumption Index (Stand 22. 05. 2021), dass der "theoretische" Gesamtverbrauch irgendwo zwischen 38,3 TWh und 370,21 TWh pro Jahr liegt. Der "realistische" Verbrauch wird mit 118,94 TWh pro Jahr beziffert.

    Das sind gigantische Zahlen, die man erst einmal einordnen muss:

     

    Wäre Bitcoin ein Land ...
    1. VR China - 6543 TWh/Jahr
    2. USA - 3990 TWh/Jahr
    3. Indien - 1277 TWh/Jahr
    ...
    9. Deutschland - 524 TWh/Jahr
    ...
    32. Vereinigte Arabische Emirate - 119 TWh/Jahr
    33. Bitcoin - 119 TWh/Jahr
    34. Niederlande - 111 TWh/Jahr
    ...
    42. Österreich - 67 TWh/Jahr

     

    ... und aus welchen Quellen stammt dieser Strom?

    So oder ähnlich würde wohl die Gretchen-Frage lauten, wäre Goethes Faust ein Gleichnis über die moderne Klima-Debatte. Und ähnlich wie der Protagonist tut man sich auch bei dieser Frage schwer mit der Antwort.

    So schreibt das Cambridge Center For Alternative Finance der Universität Cambridge in seinem Bericht 3rd Global Cryptoasset Benchmarking Study aus dem Jahr 2021, dass zwar die Transparenz in der Krypto-Mining-Industrie zunehme, das Thema aber nach wie vor "von beiden Seiten der Debatte missrepräsentiert" werde.

    Der Bericht der Universität Cambridge selbst spricht so etwa davon, dass - je nach Berechnungsmethode - 29% bis 39% der gesamten Rechenleistung des Bitcoin-Netzwerks aus erneuerbaren Energien stammen, ein Bericht von www.coinshares.com hingegen vermutet, dass ganze 74% aus erneuerbaren Energien stammen und selbst diese Annahme "konservativ" sei. Um die Unschärfe dieser Zahlen zu verstehen, hilft ein Blick darauf, die verschiedenen Rechenzentren, genannt mining pools, angesiedelt sind:

     

    globale Bitcoin-Hashrate

     Quelle: https://cbeci.org/mining_map, 22. 05. 2021

     

    Bitcoin Hashrate in China

      Quelle: https://cbeci.org/mining_map, 22. 05. 2021

     

    Die überwältigende Mehrheit der Bitcoin-Rechenleistung liegt also in China (was in der Krypto-Szene auch abseits der Klimadebatte äußerst kritisch betrachtet wird), und hier in den vier Provinzen Xinjiang, Sichuan, Innere Mongolei und Yunnan. Xinjiang und die Innere Mongolei sind bekannt für billigen Kohlestrom, Sichuan und Yunnan für billige Wasserkraft. In vielen Berichten zum Energieverbrauch von Bitcoin wird vermutet, dass die Miner ein saisonal bedingtes nomadisches Verhalten zeigen: In der Regenzeit, in der die Wasserkraftwerke im Südwesten des Landes auf Hochtouren laufen, profitieren sie dort von billigen Strompreisen dank Überangebot. Anschließend bauen sie ihre Anlagen ab, transportieren sie in den Norden und bauen sie dort wieder auf.

    Ein weiterer Grund für die Undurchsichtigkeit des Themas könnte schlicht sein, dass die Volksrepublik Kryptowährungen sehr genau im Auge behält und sich die Betreiber dieser Rechenzentren daher lieber bedeckt halten, um Aufmerksamkeit von Seiten der Regierung zu vermeiden.

     

    Also ... sind Kryptowährungen jetzt nachhaltig oder nicht?

    Um die wenig befriedigende Antwort vorweg zu nehmen: Es kommt (vermutlich) drauf an.

    Ja, der Betrieb des Bitcoin-Netzwerks benötigt riesige Mengen Strom und diese kommen nicht zu 100% aus erneuerbaren Energien. Wenn man möchte, könnte man die Diskussion an dieser Stelle beenden und Bitcoin als nicht nachhaltig bezeichnen.

    Allerdings ist auch hier wie so oft der Kontext entscheidend: Welchen Nutzen bringt Bitcoin im Austausch gegen diesen enormen Energieverbrauch?

    Hierzu hilft es zunächst, Äpfel auch tatsächlich mit Äpfeln zu vergleichen. Zum Beispiel Bitcoin als Zahlungssystem und das globale Bankensystem oder Bitcoin als Wertspeicher und die Goldminen-Industrie. Das Forbes Magazine nennt in seinem Artikel 140 TWh bzw. 131,9 TWh an Stromverbrauch für diese Sektoren.

    Aber Banken werden weltweit genutzt!

    Bitcoin nur von 100 Millionen Menschen - Stimmt. Allerdings haben Banken, wie wir sie kennen, bereits eine Geschichte von mehreren hundert Jahren. Bitcoin, dessen erklärtes Ziel die Schaffung eines unzensierbaren und unkorrumpierbaren Geldsystems ohne die Notwendigkeit von Mittelsmännern ist, hatte hingegen nur 12 Jahre, um sich zu beweisen. In Ländern wie Nigeria, Venezuela, Simbabwe oder der Türkei, in denen massive Inflation oder das politische Klima die finanzielle Existenz der Menschen bedrohen, stieg die Verwendung verschiedener Kryptowährungen stark an, da z.B. Familienangehörige so kostengünstig Geld in die Heimat schicken konnten und dieses von der Regierung weder blockiert noch konfisziert werden konnte, was im traditionellen Geldsystem nicht möglich wäre.

    Bitcoin hat keinen Wert, Gold schon!

    Auch hier ist es so, dass Gold als Zahlungsmittel und Wertspeicher bereits eine Geschichte von 5.000 Jahren hat. Aber warum? Weil es (neben Silber) das einzige Material der damaligen Zeit war, welches die Eigenschaften guten Geldes erfüllte:

    • Akzeptabilität - die Menschen akzeptieren Gold als Geld/Wertspeicher, Bitcoin allerdings noch nicht.
    • Transportabilität - Gold lässt sich von A nach B transportieren. Bitcoin kann innerhalb von Minuten um die ganze Welt geschickt werden.
    • Beständigkeit - Gold zerfällt nicht. Bitcoin bleibt beständig, solange das Netzwerk Strom hat. Und seien wir ehrlich: Wenn in der heutigen Zeit der Strom über längere Zeit flächendeckend ausfällt, haben wir andere Sorgen als Geld ...
    • Teilbarkeit - Gold kann in kleinere Einheiten zerteilt werden (Platin und Palladium dienten in der Antike nicht als Geld, da damalige Schmelzöfen nicht die notwendigen Temperaturen erreichen konnten). Ein Bitcoin kann in 100 Millionen Teile geteilt werden (genannt 1 Satoshi).
    • Austauschbarkeit - Sowohl eine Goldmünze als auch ein Bitcoin ist so gut wie ein/e andere.
    • Erkennbarkeit - Die Menschen wissen, wie Gold aussieht und würden auch Bitcoins als solche erkennen, sobald sie sich mit den nötigen Apps vertraut machen.
    • (Wert-)Stabilität - Eine Goldmünze bleibt eine Goldmünze, ein Bitcoin bleibt ein Bitcoin, nur die Menge an Währungen (wie USD oder EUR) um sie herum kann sich ändern (Stichwort: Inflation)
    • Seltenheit - Gold kann nicht einfach beschafft werden und es wird nie mehr als 21 Millionen Bitcoins geben. Die Analogie zum Arbeitsaufwand zwischen Gold und Bitcoin (und daher der Begriff "Bitcoins schürfen / to mine Bitcoin") ist kein Zufall, sondern der Versuch, den Abbau von Ressourcen digital zu simulieren.

    Gold ist nicht "wertvoll", weil es schön glänzt (abgesehen von der Schmuckindustrie), nahrhaft oder energiereich ist - es hat also keinen "inhärenten" Wert. Genauso messen Befürworter Bitcoin keinen Wert bei, weil man ihn (nicht) anfassen kann oder ähnliches, sondern weil er die Anforderungen an gutes Geld erfüllt.

    Im originalen Bitcoin-Whitepaper brachte Satoshi Nakamoto das Konzept von Bitcoin zwar als Vorschlag für eine Alternative zum traditionellen Geldsystem, aber aufgrund der oben genannten Eigenschaften guten Geldes wird Bitcoin mittlerweile immer mehr als Wertspeicher wie Gold betrachtet (zugegeben: die Transaktionsgeschwindigkeit ist einfach zu langsam, um mal schnell seinen Coffee to Go damit zu bezahlen). Allein die Akzeptanz fehlt noch, was sich aber ebenfalls bereits langsam ändert: Nachdem sich niemand geringerer als Elon Musk davon überzeugen ließ, Bitcoin im Wert von 1,5 Milliarden $ in die Bilanz von Tesla als Inflationsschutz aufzunehmen (ja, derselbe Elon Musk, der Bitcoin im Nachhinein aus Gründen der Nachhaltigkeit als Zahlungsmittel ablehnt), bekennen sich immer mehr größere Firmen und Investmentfonds zu diesem Schritt, während Zahlungsdienstleister wie Visa und Paypal Zahlungen mit Kryptowährungen ermöglichen wollen.

    Whataboutism!

    Eindeutig: Nur weil andere (mehr oder weniger) vergleichbare Sektoren Unmengen an Energien verbrauchen, ist das keine Entschuldigung für andere, Unmengen "schmutzigen" Stroms zu fressen. Im Umkehrschluss darf dies aber auch nicht bedeuten, dass man es deshalb nicht versuchen sollte, die bestehenden Systeme zu verbessern - oder schlicht zu ersetzen -, weil die Innovation ebenfalls (noch) nicht zu 100% nachhaltig ist.

    In Wahrheit müssen alle vor der eigenen Türe kehren und an ihrem ökologischen Fußabdruck arbeiten.

    Kryptowährungen machen ihre Hausaufgaben

    In der Krypto-Szene ist man sich der Problematik des Energiebedarfs des Proof of Work Mechanismus durchaus bewusst: Wie jede Technologie entwickelt sich auch die Blockchain-Technologie rasant. Proof of Work war der erste Konsensmechanismus und betrifft heute maßgeblich nur noch 6 Kryptowährungen, darunter eben Bitcoin, aber auch das bereits erwähnte Ethereum. Dieses Netzwerk bietet bereits wesentlich mehr technische Möglichkeiten als die Bitcoin-Blockchain und leitete das Zeitalter der "2. Generation" von Kryptowährungen ein. Der hohe Energieaufwand von Proof of Work schränkt jedoch die Nutzerfreundlichkeit und somit die Weiterentwicklung von Ethereum ein, weshalb das Netzwerk im in der Szene lang erwarteten Upgrade "Ethereum 2.0" auf den sogenannten Proof of Stake Mechanismus umsteigen wird. Hierbei muss der Signateur eines Blocks nicht nachweisen, dass er Arbeitsleistung erbracht hat, sondern dass für ihn finanzieller Wert (in Form von Währungseinheiten der jeweiligen Blockchain) auf dem Spiel steht (engl. stake = der Einsatz), welcher bei "Fehlverhalten" (= Datenfälschung) verloren ginge. Mittlerweile ist Proof of Stake der am weitesten verbreitete Konsensmechanismus. Laut Vitalik Buterin, Gründer von Ethereum, benötigt Proof of Stake 99,5% weniger Energie als Proof of Work. Auch Charles Hoskinson, Gründer von Cardano, einer Blockchain der 3. Generation, und Mitbegründer von Ethereum ist überzeugt, dass Proof of Stake die Zukunft für Kryptowährungen darstellt und Proof of Work ohne technische Innovation "aussterben" wird.

    Bitcoin fördert erneuerbare Energien ...?!

    Abgesehen von der Problemlösung durch technische Weiterentwicklung existieren auch Ansätze, dass Proof of Work den Sektor der erneuerbaren Energien gerade deshalb voranbringen könnte, weil es soviel Energie benötigt. Vertreten wird diese These vom Zahlungsdienstleister Square, gegründet von Twitter-Gründer Jack Dorsey, in Zusammenarbeit mit dem Investment Fonds ARK Invest, welcher Blockchain- und Batterie-Technologie sowie erneuerbare Energien als zentrale Elemente der Zukunft betrachtet.

    Kurz zusammengefasst lautet ihre These wie folgt: Erneuerbare Energien haben den entscheidenden Nachteil, dass sie entweder geografisch (Wasserkraft, Geothermie) oder zeitlich (Wind- und Sonnenenergie) stark eingeschränkt sind und sich somit nicht ideal zur Versorgung von Städten und Industrie eignen, da sich diese in bestimmten Gebieten ansiedeln und zu stabilen Zeiten auf eine stabile Versorgung angewiesen sind. Sie haben jedoch einen großen Vorteil: Sie sind billig. Auf der anderen Seite haben Bitcoin-Rechenzentren zwei große Vorteile: 1. Sie sind geografisch flexibel - sie können einfach neben einem Kraftwerk aufgebaut werden und 2. entfallen rund 79% ihrer laufenden Kosten auf den Strompreis, sie haben also einen wirtschaftlichen Anreiz, dauerhaft günstigen Strom zu beziehen.

    Square und ARK Invest würden diese Gegebenheiten so kombinieren, dass die Betreiber dieser Kraftwerke auch gleichzeitig Bitcoin-Rechenzentren betreiben und den Strom, der nicht in weit entfernte Städte geleitet werden kann oder zu Spitzenzeiten überproduziert wird, in Form von Bitcoin zu monetarisieren. Auf diese Weise wäre das Betreiben derartiger Anlagen wesentlich schneller rentabel und würde zu einem schnelleren Ausbau des Stromnetzes führen. Auch würde diese ausgebaute und erhöhte Dezentralisierung die Bitcoin-Netzwerksicherheit erhöhen (ob und wie wichtig das ist, ist selbstverständlich eine andere Debatte ...).

     

    Fazit

    Befürworter von Kryptowährungen sind davon überzeugt, dass die zugrundeliegende Blockchain-Technologie das Potenzial hat, viele der aktuell größten Probleme der Menschheit zu lösen oder zumindest massiv zu verbessern und generell nicht weniger erreichen wird, als "die Welt zu verändern". Die Ideen und Diskussionen darüber sind zahlreich, z.B.:

    Der "Bitcoin-Standard" - analog zum Gold-Standard der Weltleitwährung US-Dollar, der 1971 von US-Präsident Nixon beendet wurde. Nachdem die US-Regierung nicht mehr an ihr eigenes Versprechen gebunden war, jeden existierenden US-Dollar in eine festgelegte Menge an Gold umzutauschen, konnte die Federal Reserve Bank nach belieben US-Dollar drucken (mit allen ökonomischen Konsequenzen). Bitcoin-Befürworter betrachten Bitcoin als das "digitale Gold", das als Weltreservewährung dienen kann, mit der Regierungen ihre nationalen Währungen hinterlegen. Durch die Limitierung auf 21 Millionen Bitcoins kann diese Währung nicht inflationiert oder manipuliert werden und Regierungen wären zu Sparsamkeit gezwungen (= sie können nur das Geld drucken und ausgeben, das sie mit Bitcoin hinterlegen können). Die wirtschaftswissenschaftliche Theorie hinter derart gedeckten Währungen ist, dass stabile Währungen zu einer stabilen Wirtschaft und somit allgemein zu mehr Wohlstand führen.

    Soziale Gerechtigkeit - der bereits erwähnte Charles Hoskinson beabsichtigt mit der Cardano-Blockchain, Millionen von Menschen am afrikanischen Kontinent zu einem gerechten Zugang zu Bankenservices, Identitätsnachweisen und ähnlichen essentiellen Infrastrukturen zu verhelfen. Seiner Ansicht nach ist das Problem nicht (nur) Rassismus, sondern die einfache Tatsache, dass derartige Dienstleistungen oft nicht existieren, da selbst die grundlegendsten Infrastrukturen nicht existieren. Blockchain-Technologie, so Hoskinson, ermögliche es durch ihre inhärente Fälschungssicherheit z.B., dass ein Bauer einen Kredit aufnehmen kann, um Investitionen in seinen Betrieb zu tätigen. Derzeit sei das oftmals nur zu horrenden Zinsen möglich, da diese Menschen z.B. keine (vertrauenswürdige) Kreditwürdigkeit nachweisen können oder es schlicht keine Banken gibt. Wenn für die Menschen in Afrika, so ist Hoskinson überzeugt, der Zugang zu Finanzdienstleistungen so einfach und selbstverständlich wie im Westen wird, ist wirtschaftlicher Aufschwung - und in weiterer Folge politische Stabilität - unausweichlich.

    Effizientere Infrastruktur - herkömmliche Finanzstrukturen wie Bankkonten, Kreditkartenzahlungen, Versicherungen, etc. basieren alle auf der Notwendigkeit eines "vertrauenswürdigen Mittelsmannes", der die Zahlungen verwahrt, weiterleitet, etc. Die Blockchain-Technologie ermöglicht es nun erstmals, dass zwei Personen miteinander Geschäfte betreiben, ohne einander vertrauen zu "müssen". Dies geschieht u.a. durch sogenannte smart contracts ("intelligente Verträge") - eine Art wenn-dann-Computercode, der ausgelöst wird, sobald beide Seiten den Vertrag erfüllt haben und nicht manipuliert werden kann, sobald er einmal aufgesetzt wurde. Auf diese Weise - so Blockchain-Befürworter - ließe sich weltweit die Infrastruktur in vielen verschiedenen Sektoren verschlanken, was zu massiver Ressourcen-Einsparung führen würde. 

    Gegner von Kryptowährungen hingegen weisen darauf hin, dass sie dieses Potenzial bis jetzt noch nicht hinreichend unter Beweis gestellt haben bzw. es gar nicht haben - also einfach ein "Scam" seien oder gar maßgeblich für Geldwäsche und andere illegale Aktivitäten genutzt werden. 

    Befürworter erwidern darauf, dass die Finanzelite schlicht ihre Pfründe durch die technologische Überlegenheit von Kryptowährungen gefährdet sieht.

     

    Bitcoin verschlingt viel Energie, und ein (zu) großer Anteil davon stammt aus schmutzigen Quellen. Die zukünftigen Herausforderungen für Kryptowährungen kommen sowohl von innen (technische Entwicklung) als auch von außen (Akzeptanz und Relevanz). Aber um die Frage, ob Bitcoin und Kryptowährungen ganzheitlich nachhaltig sind, zu beantworten, ist es wohl einfach noch zu früh.

     

    Was Satoshi Nakamoto mit der Erfindung von Bitcoin zumindest beabsichtigte, war, die globale finanzielle Macht - und somit auch die Verantwortung - aus den Händen weniger, zentraler Entitäten zu nehmen und sie in die Hand aller Menschen zu legen ...

     

    ... und zumindest diese Idee lässt sich doch sehr gut auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz umlegen, oder etwa nicht?

     

    Quellen:
    Bitcoin Whitepaper, Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System
    Youtube-Video, But how does bitcoin actually work?
    University of Cambridge, Camebridge Bitcoin Electricity Consumption Index
    University of Cambridge3rd Global Cryptoasset Benchmarking Study
    Forbes MagazineBitcoin’s Energy Consumption Is A Highly Charged Debate – Who’s Right?
    Forbes MagazineThe Hidden Truth Behind Money Laundering, Banks And Cryptocurrency
    www.braiins.comGreen Innovation in Bitcoin Mining: Recycling ASIC Heat
    www.coinshares.comThe Bitcoin Mining Network. Trends, Average Creation Costs, Electricity Consumption & Sources
    Square & ARK Invest BerichtBitcoin is Key to an Abundant, Clean Energy Future
    www.bbc.comHow Bitcoin's vast energy use could burst its bubble
    Der Standard, 22. 05. 2021Ethereum-Gründer Vitalik Buterin: "Keine Krypto-Krise"

    Älterer Post Neuerer Post


    Hinterlassen Sie einen Kommentar